Tramhaltestelle

unbearbeitet

Warten auf die Tram an der Haltestelle Bahnhofstr./Lindenstr.

Auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz nach Baumschulenweg muß ich an der Tramhaltestelle Bahnhofstr./Lindenstr. umsteigen, und das kann bekanntlich etwas länger dauern. Man wartet schon mal über 20 Minuten, das gibt einem die Zeit sich seiner Umgebung zuzuwenden und sie zu beobachten.
Unübersehbar fällt der Blick auf eine gegenüberligende Kindertagesstätte Namens Findefuchs, die in einer alten um 1871 erbauten, ehemaligen Fabrikantenvilla untergebracht ist. Die Villa steht inzwischen unter Denkmalschutz.
Mit seiner Optik in mehrfarbiger Backsteinbauweise, dem Türmchen und der geschnitzten Holzornamente an den Giebelkanten wirkt das Haus wie aus einem Grimm´schen Märchen. entsprungen. Der Eindruck wird noch durch alte von Kletterpflanzen überwucherten Bäumen verstärkt, die im zur Villa zugehörigen Garten stehen. Bei schönem Wetter, ist das lebhafte fröhliche Lachen der Kinder von der Rückseite des Gebäudes bis zur gegenüberliegenden Seite zu hören. Das verkürzt zumindest rein gefühlsmäßig die Wartezeit auf die Tram.
Man kann aber auch Zeuge von kleinen und auch größeren Dramen werden. Einmal sah ich, wie ein Eichhörnchen versuchte die Straße in Richtung BEST-Sabel Oberschule zu überqueren. Es hatte bereits eine Fahrbahnseite sowie die Trambahngleise passiert, als der Fahrzeugstrom in der Gegenrichtung einsetzte. Dem Hörnchen gelang gerade noch rechtzeitig eine Kehrtwende, um zum Garten der Villa zurückzukehren. Da kam plötzlich eine Krähe, in der eindeutigen Aussicht auf ein gehaltsames Frühstück, im Tiefflug heangeflogen. Die Krähe hatte das Eichhörnchen schon fast erreicht, als das Hörnchen gerade noch die Gitterstäbe des Gartenzaunes durchquerte und direkt hinter dem Zaun anhielt und sich zur Krähe umdrehte, die vor dem Gartenzaun landete. Die Krähe konnte ihm nicht im Fluge durch die engen Stäbe des Zaunes folgen.
Im Abstand von wenigen Zentimetern, nur durch den Zaun getrennt, belauerten sich nun Jäger und Gejagter und warteten nun darauf, was sein jeweiliger Kontrahent unternehmen würde, denn wenn sich das Eichhörnchen vom Zaun entfernen würde, flöge die Krähe ihm hinterher.
Aber wenn die Krähe über den Zaun fliegen würde, wäre das Hörnchen wohl wieder unter dem Gartenzaun hindurchgeschlüpft. Eine klassiche Pattsituation!
Das Ende des Dramas aus dem Berliner Tierleben blieb für mich offen, da meine lang erwartete Tram in die Haltestelle einfuhr und mir die Sicht auf die weitere Entwicklung versperrte.
Meine Gefühle für die beiden Kontrahenen waren durchaus geteilt. Zum einen drückte ich dem Eichhörnchen die Daumen für eine geglückte Flucht, aber wer würde der Krähe nicht auch ein kräftiges Frühstück gönnen.
Auch die gegenüber der Villa gelegene BEST-Sabel Oberschule bietet dem Wartenden eine willkommene Abelenkung. Das ebenfalls unter Denkmalschutz stehende imposante Gebäude mit seinen hohen neugothischen Fenstern und den zahlreichen Türmchen erinnert mit etwas Phantasie an die Zauberschule Hogwarts. Sieht dort oben nicht Professor Dumbledore aus einem der Turmfenster hinab auf den Platz vor der Eingangspforte, wo gerade Harry Potter´s beste Freunde Ron Weasley und Hermine Granger die Schule betreten? Und über dem Dachgiebel: Jagt dort nicht ein fürchterlicher Drache hinter Harry Potter und seinem Flugbesen her? Aber, es war doch nur meine Phantasie, es war wieder einmal eine Krähe, die diesmal ein Täubchen auf seiner Speisekarte stehen hatte. Wie man sich Irren kann.
Jeder Arbeitstag bringt auch seinen Feierabend mit sich, das heist eine Tramfahrt in umgekehrter Richtung, umsteigen vom Bahnsteig in der Bahnhofstraße, per Pedes vorbei an der wieder unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Umformstation mit integrierter Bedürfnisanstalt für Frauen, seit Jahren außer Betrieb, weiter zum Bahnsteig Lindenstraße mit Blick auf den Platz des 23. April. Wieder einmal ist meine 62er Tram direkt vor meiner Nase abgefahren. Erneut Zeit zur Muße!
Wenn ich meine Wartezeiten addieren würde, da kommen bestimmt schon einige Tage zusammen, die ich damit verbrachte, auf die gegenüberliegende Grünanlage, den Altspreebogen und die Baumgarteninsel zu schauen. Nicht immer, doch recht regelmäßig, wird man unfreiwillig durch die Nutzer des Parkes unterhalten. Ein Mops, der sein Frauchen Gassi führt oder auch Stockenten, die über die saftig grünen Liegewiesen watscheln. Heute bringt ein Großvater seinem kleinen Enkel das Reiten bei, als Reittiere dienen Ihnen die beiden bronzenen Schwäne auf dem Rasen nahe der Lindenstraße. An anderen Tagen werden die Schwäne von Liebespaaren besetzt, die in den Himmel der Liebe abheben!

Stand 26.1.2018

von R.L.

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