Waldpark Plänterwald

Waldmeditation

Manchmal, und wer hat das nicht schon erlebt, ist eine Nacht keine regenerative Wohltat, sondern unfreiwillig eine schlaflose Plage. Manchmal ist für mich eben heute - und jetzt. So liege ich wachend im Bett, drehe mich von links nach rechts und wieder zurück, immer im unsteten Wechsel. Das Bewusste und das Unbewusste produzieren, in einer beunruhigenden Kooperative, Gedanken und Bilder von mehr oder minder großer Nichtigkeit, die sich dann in endlosen Spiralen durch den Kopf drehen. Der Schlaf verweigert hartnäckig, sich in mein Bett zu gesellen. Die Muskulatur steht unter Strom, die Emotionen auch, die Gedanken sowieso. Das energisch durch meine Adern pulsierende Blut fabriziert ein passendes Echo dazu. Die Anspannung bleibt im unveränderlichen Dauerbetrieb. Auch der Versuch, mir selbst mit einem Ritual, den Schlaf zu organisieren läuft ins Leere. Die imaginären Schafe sind zu scheue Wesen, wollen sich partout nicht einzeln zählen lassen und verstecken sich lieber in einer undefinierbaren Herde. So wabert also beschwingt die lauwarme Gedankensuppe durch meinen Kopf und hält mir mit ihrer unausgereiften Rezeptur den Schlaf fern. Als das erste diskrete Licht der Morgendämmerung zu erahnen ist, setze ich resigniert dem jammervollen Schauspiel ein Ende. Ich verlasse das Bett und mache mich auf zu einem frühmorgendlichen Sommerspaziergang im Plänterwald.
Nun habe ich den Waldpark erreicht, über einen seiner zahlreichen kleinen, fast verborgenen Zugänge finde ich Einlass. Sofort bin ich umringt von vielen alten Eichen, Buchen und anderen Laubbäumen. Es ist eine knorrige Baumgesellschaft wie aus dem Bilderbuch. Scheinbar wohlwollend empfangen sie mich in ihrer Mitte. Ihre mächtigen Baumkronen wippen als synchrone Gemeinschaft im seichten Wind. Sie überspannen alle Wege mit ihren grün bewachsenen Ästen als mächtiges Blätterdach, das selbst den Himmel zu stützen scheint. Die weit verzweigten Waldpfade werden vom ersten durchblitzenden Sonnenlicht des erwachenden Tages freundlich erhellt. Eine kleine neue Welt, denke ich, fernab meines nervösen Bettes. Ich atme das erste Mal tief ein und aus und suche mir meine Wege. Ich spüre, wie allmählich meine Schritte gleichmäßiger, länger, achtsamer werden und höre, wie sie auf den sandigen Boden tapsen. Einige Sonnenstrahlen durchbrechen die dichten Baumkronen und legen sich wärmend auf mein Gesicht. Nach und nach nehme ich den mich umgebenen Wald mit seiner Natur mehr und offener wahr. Verschiedene Vögel zwitschern bereits ihre hübschen Lieder wunderschön schallend von den Bäumen auf mich herab. An einem Baum entdecke ich einen Specht, mit seinem bunten Gefieder. Schallend pocht er mit seinem Schnabel gegen die Baumrinde und scheint das Dirigentenamt für das Früh-Konzert der Vögel übernommen zu haben. Auf den Wegen springen aufgeregt kleine Buchfinken bei der Suche nach ihrem Frühstück umher, bevor sie sich dann in flatternder Akrobatik in die Lüfte erheben. Wie angenehm wohltuend das alles doch ist. Ich höre das Zirpen der Grillen. Neben mir entdecke ich auf dem weichen Waldboden einige Moosbüschel. Ich knie mich herab und fahre mit meiner Handfläche vorsichtig über sie hinweg. Wie ein flauschiges Kissen fühlen sie sich an. Der auf ihnen sitzende Morgentau befeuchtet meine Hand mit einem erfrischenden Wasserfilm. Der Waldboden verströmt wie ein Teppich angenehmer Düfte seine Aromen, die wohltuend in meine Nase steigen. Mein Puls schlägt bereits einen entspannteren Takt, der Kopf ist freier, klarer und die grübelnden Gedanken versinken zusehends in der Bedeutungslosigkeit. Wie angenehm harmonisch ist es hier in diesem natürlichen grünen Zelt, das über mich mit seinen Blättern den Bogen des Himmels bespannt. Eine leichte Brise durchfährt die Sträucher und versetzt ihre Blätter in ein sanftes Rauschen. Ruhe und Frieden scheinen hier die unbestrittenen Herrscher des Waldes zu sein. Hinter einem Baum höre ich es ganz leise knacken und knistern. Es ist ein Eichhörnchen, wie ich entdecke, kastanienbraun. Schnell und geschmeidig hüpft es durch das Gehölz. Als der possierliche Nager mich erspäht, hält er inne, macht Männchen, präsentiert dabei das weiße Fell seines Bauches und prüft offenbar, ob von mir eine Gefahr ausgeht. Wirklich, ein süßes Geschöpf!
Ich gehe weiter. Meine Schritte federn leicht und beschwingt über den feuchten Naturboden, meine Arme baumeln links und rechts fröhlich am Körper vorbei. Vergehendes Laub raschelt unter meinen Füßen, alte Eicheln knacken. Der Atem kommt - und geht. Ich spüre ihm nach. Rein und klar ist die Luft, durchsetzt von angenehmer Feuchtigkeit und Wärme. Freude und Wohlbefinden breiten sich steigernd in mir aus, und das Gefühl, eins zu sein mit dem Wald, mit ihm und seinen Bewohnern zu verschmelzen. Wunderbar!
Aus der Ferne höre ich ein Hundebellen. Ich erreiche die langgezogene Uferpromenade des Plänterwaldes. Die Bäume geben den Blick zum Himmel frei, der sich mit zahlreichen Schäfchenwolken schmückt. Am Promenadenweg angeschmiegt fließt die Spree ruhig dahin, scheinbar noch in einer morgendlichen Behutsamkeit. Ihr Wasser wird in weichen Wellen gewogen, in denen sich die Lichter der Sonnenstrahlen brechen. Plötzlich spritzt vor meinen Füßen eine kleine Waldmaus aus den Sträuchern, bevor sie sich im gleichen Moment flink in einen winzig kleinen Höhleneingang flüchtet. Nun begegnen mir auf dem Uferweg zwei Hundehalter. Offensichtlich besprechen sie bereits das Dies und Das und das Für und Wider des jungen Tages. Ihre plüschigen Vierbeiner nutzen die Zeit, um sich neugierig zu beschnuppern. Ich stelle mir die Frage, wer dort wen zu dieser frühen Morgenstunde vor die Haustür genötigt hat. War es der Hund mit einer überaktiven Darm- und Blasentätigkeit oder dann doch das Herrchen, vielleicht, wie auch ich, gepeinigt von Schlaflosigkeit? Wer weiß...
Lustwandlerisch schlendernd verlasse ich die Szene und suche mir einen der kleinen Waldpfade für meinen Heimweg. Rasant überholt mich ein Jogger, der zu dieser eigentlich noch nachtschlafenden Zeit bereits elanvoll, fast schwebenden Gebeins unterwegs ist. Einen Augenblick später halte ich wieder inne, lasse meinen Blick noch einmal über die kräftigen Stämme der weise wirkenden Bäume schweifen und nehme ihre ausstrahlende Ruhe und Gelassenheit tief in mir auf. So hat der Spaziergang meine Seelenlandschaft der Landschaft des Waldes angeglichen. In wohliger Zufriedenheit gehe ich Hause, wo ich in seelenruhiger Leichtigkeit rasch friedvoll einschlafe.
Der Plänterwald ist nun sicher kein Abbild des einst mystisch verklärten deutschen Waldes. Und sicher, hier lauern in gefährlicher Dunkelheit keine wilden Tiere auf, es sind auch keine germanischen Baumverehrer anzutreffen, die ihren heidnischen Kulten nachgehen, auch Dämonen oder andere Fabelwesen begegnen einem nicht abseits der Wege. Vielmehr ist der Plänterwald ein Ort der Ruhe, der Entspannung, in dem man der Natur und sich selbst nachspüren kann und so grüne Naherholung erfährt. Mit seinem Charakter eines Volksparks ist er aber auch eine naturnahe Begegnungsstätte, ein bewaldeter Sportplatz für Radfahrer, Jogger und andere Bewegungsbegeisterte und für Kinder und kindlich Gebliebene ein Abenteuerspielplatz zum Entdecken, Forschen und Staunen.
Der Name Plänterwald ist forstwirtschaftlich entlehnt und beschreibt einen baumschulenartigen dauerhaft bewirtschafteten Hochwald. In ihm stehen kleinstflächig verteilt Bäume verschiedener Gattungen und Dimensionen. Durch die Fällung einzelner Bäume wird ein geplänterter, also gelichteter und sich stetig verjüngender, urwaldähnlicher Forst geschaffen. Kennzeichnend ist sein mildes, gesättigtes Waldklima, das durch die Vermeidung direkter Einwirkung von Sonne, Regen und Wind entsteht. Diese grundsätzlichen Merkmale zeichnen den Plänterwald auch heute aus. Er entstand ab 1876 auf einem brachliegendem Ackerland. Der Idee nach sollte das Terrain durch eine schrittweise Aufforstung zu einem waldwirtschaftlichen Betrieb mit Laubwaldcharakter hergerichtet werden. Nach 1896 wurden die rund 90 Hektar großen Plänterwaldanlagen als Waldpark zu einem öffentlichen Ort umgestaltet. Er befindet sich auf der Spreeseite entlang der gesamten Neuen Krugallee und wird nördlich durch die Bulgarische Straße, südlich von der Baumschulenstraße begrenzt.

Kaum etwas eignet sich so gut zum Abschalten und Auftanken wie ein Waldspaziergang. Ruhe, staubarme Luft und ätherische Duftstoffe erfrischen und beleben Körper und Geist. Sein Einfluß auf die Senkung des Blutdruckes, die Steigerung der Lungenkapazität und Aterienelastizität sowie die Hebung von Stimmung und Selbstwertgefühl ist medizinisch nachgewiesen. Der Wald ist und bleibt eine zentrale Metapher für die Faszination und Schönheit der Natur. Es gilt es, ihn zu bewahren und zu entdecken! Auf geht’s!

von L.H.

Wegbeschreibung
Verkehrsanbindung: Bus Nr. 170; Haltestelle „Baumschulenstraße/Fähre“, alternativ: S-Bahnhof Plänterwald oder Baumschulenweg jeweils ca. 5 Minuten Fußweg