Wasserturm und Wasserwerk in Alt Glienicke

Abwarten und Wassertrinken

Im Großraum von Berlin sind aktuell noch 24 Wassertürme zu bestaunen. Der älteste von 1868 befindet sich in Charlottenburg Nord und der jüngste Wasserturm wurde 1969 am Gaswerk in Mariendorf errichtet.
Die teils sehenswerten, meist aus Backsteinen bestehenden Türme, wurden zu ihrer Zeit unterschiedlich genutzt und hatten entsprechend ihrer Aufgabe ein Fassungsvermögen von 48 bis 2500 Kubikmeter. Vorwiegend wurde das Wasser durch hydrostatischen Druck in das Leitungssystem eingespeist und diente der umliegenden Bevölkerung als Trink - und Nutzwasser. Andere Wassertürme wurden zweckgebunden für Befüllung, Reinigung, und Instandsetzung von Dampflokomotiven eingesetzt, andere für die Wasserversorgung von Krankenhäusern und Pflegeanstalten, und wieder andere wurden speziell für Fabrikanlagen, wie Gaswerk, Schlachthof, Kabelwerk oder Pulverfabrik im oder direkt am Betriebsstandort aufgebaut. Auch das Gefängnis am Plötzensee und der botanische Garten verfügten über einen eigenen Wasserturm. In der Neuzeit wurden sie von modernen Pumpkraftwerken verdrängt, haben ausgedient und keine Bedeutung mehr für die Berliner Wasserversorgung.
Einer dieser Türme mit einer Höhe von 38.55m und einem Fassungsvermögen von 60 Kubikmeter wurde im April 1906 in gotischer Form mit rotem Ziegelmauerwerk in Alt Glienicke in der Schirnerstraße errichtet und versorgte fast 50 Jahre Alt Glienicke , Adlershof / Bohnsdorf und Grünau mit Trinkwasser. Ab 1912 wurde das Sockelgeschoss für Gottedienste der ev. Kirche genutzt. 1956 wurde der Wasserkessel außer Betrieb genommem und der Turm 1999 an einen Bauunternehmer verkauft. Im Sept. 2002 konnte der Turm im Rahmen des „ Tages des Offenen Denkmals „ von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Die Absicht des Bauunternehmers, einen modernen Neuaufbau des Turmkopfes mit großen Panoramafenstern vorzunehmen, scheiterte 2003 jedoch am Widerstand der Anwohner und der von ihnen gegründeten Bürgerinitiative
„ Interessengemeinschaft Wasserturm „ .
Infolge stellte der Bauunternehmer die Arbeiten ein und verkaufte alsbald den Turm an eine Nürnberger Baudenkmalsanierungsgesellschaft. 2005 veranlaßte die „ Untere Denkmalschutzbehörde „ den Abriss des gesamten Mauerwerkes vom Turmkopf, da akute Einsturzgefahr bestand. Ein Gerüst wurde gestellt und der Turmkopf mit einer weißen Kunststoffplane verhüllt. 2006 wurde der Turm an die Wasserwerke Altglienicke e.V. verkauft.,der sich zum Ziel gesetzt hatte, das Wasserwerk und die dazugehörige Bauten vor dem Verfall und Abriss zu retten.
Mit diesem Wissen versorgt stand ich dann in der Schirnerstraße, sah den Turm vor mir aufgerichtet und oben die Plastiktüte über dem Turmkopf. Phantasy, der sensibelste Gaul in meinem Kopfgestüt preschte plötzlich ungezügelt mit mir durch. Natürlich hatte das stehende Ding da vor mir Ähnlichkeit mit Masculinus Errectus in Vollschutzmontur, aber achtunddreißigeinhalb Meter war schon heftig aus dem Maß geschossen und zweifelsohne erneut ein Fehlstart von Phantasy. Wenn das mein Psychologe wüsste, mein Gott - das dürfe ich jetzt auf keinen Fall verdrängeln und mein Problem müsse sofort behämmert werden, solange es noch heiß sei... . Seine Geldgier nervte mich schon geraume Zeit, zumal er für Geld raffen eine bemerkenswerte Definition mit psychologischem Tiefgang offenbarte. „Häufchen machen“ sagte er dazu. Könnte aber auch sein, dass sich da ein wertgeschätzter Restposten aus der Schmierfinken- und Rappelchenzeit in ihm verklärt und manifestiert hatte.
Nach etwa einer halben Stunde hatte ich dann circa 50 Höhenmeter tiefer an der Straße am Falkenberg das Wasserwerk gefunden, das zeitgleich mit dem Wasserturm errichtet worden war. Beim Anblick des rechteckigen Areals, 2 Meter hoch umzäunt mit aufgesetztem Stacheldraht und zahlreichen Videokameras kam etwas Beklemmung in mir auf, weil die brachialen Sicherungsmaßnahmen so gar nicht mit der idyllischen Gestaltung der Bauwerke hinter dem Zaun, der frischen kühlen Waldluft und der wohligen Ruhe harmonisierte. Die fünf Gebäude, das Maschinenhaus, das Eingangshaus mit darunter befindlichen Brunnen, das Rieseler Gebäude, sowie ein größeres und ein kleineres Wohnhaus formten sich mit ihrer üppig ausgestalteten Backsteingotik wie eingepasst in das bereits hoch aufschießende Gras des Geländes und den schön kontrastierenden weißen Birken. Die Wohngebäude wurden noch bis Anfang der 90er Jahre genutzt und waren denkmalgerecht saniert worden. Danach wurde aus Wasserschutzgründen die Wohnungsnutzung untersagt und für die Öffentlichkeit der Zutritt verboten. Es hatte sich herausgestellt, dass im Zuge der Änderung der Brunnenverordnung Berlin von 1999 das Gelände nunmehr als Wasserschutzzone Klasse 1 einzuordnen war. Im Jahr 1999 entfernten die Berliner Wasserbetriebe auch die Brunnen, sodass eine Wiederinbetriebnahme der technischen Einrichtung unmöglich wurde.
Danach erlitten die Bauwerke große Schäden durch Vandalismus und Plünderungen von Türen, Fenstern und wertvollen Fliesen und Bordüren. Wie immer dauerte es Monate bis sich die Verhandlungspartner darauf einigen konnten, die Gebäude engmaschig zu schützen, mit einem Aufwand wie er heute zu sehen ist. Zwischenzeitlich wurde ziemlich unerklärlich von den Wasserwerken 1999 ein Abrissantrag gestellt, dem vom Bezirk formal zugestimmt, von der Denkmalbehörde aber gestoppt wurde. Auf Antrag der CDU-Fraktion im Mai 2008 beschloss der Senat die Aufhebung der Wasserschutzzone für das ehemalige Wasserwerk. Diese Entscheidung sollte aber erst zum Jahre 2014 greifen – Zeit genug für alle Beteiligten, sich wohlwollend der künftigen Nutzung der erhaltenswerten Gebäude zuzuwenden. Bislang, Stand November 2017, nichts Neues in Sicht.

von MiRi

Wegbeschreibung
S-Altglienicke
Bus 160