Der Berliner Mauerweg, Etappe Warschauer Straße nach Schöneweide

Ein Mauerblümchen

Hier, an jenem symbolhaften Ort für die einstige globale Teilung in zwei weltanschauliche Blöcke, wo diese räumlich abgetrennt an einer Mauer aus Stahlbeton hart kollidierten, hier, wo einst bis ins religiös verklärte, politische Ideologien sich argwöhnisch konfrontierten und befehdeten, wo massenhypnotisch geschürte Paranoia und Phobien, weit über ein verträgliches Maß von Angst und Schrecken hinaus, für eine gesellschaftliche Instrumentalisierung gerechtfertigt wurden, hier, ist heute wieder Frieden und Ruhe eingekehrt. Die Rede ist vom ehemaligen Berliner Mauerstreifen, dem heutigen Berliner Mauerweg.
Hier, wo der einst von Churchill titulierte Eiserne Vorhang in seiner baulichen Form zum Brennglas der Geschichte des Kalten Krieges wurde, wo sich Kommunismus und Kapitalismus in ihrem säbelrasselnden Waffenstrotz eine Frontstadt mit ihren hermetischsten, jedoch gleichzeitig fragilsten und brisantesten Phalangen schufen und wo die Konfrontation unter Einsatz des Weltfriedens in den Pokerspielen der beiden Berlin-Krisen mit der „Berliner Blockade“ 1948/49 und dem „Showdown am Checkpoint Charlie“ 1961 kulminierte, bei dem sich aufmunitionierte amerikanische und sowjetische Panzer „Auge in Auge“ gegenüberstanden und auf ein gegnerisches Blinzeln warteten, hier, erblicken die Augen heute, wie sich Mensch und Natur das verlorene Terrain zurückerobert haben, wie die Natur wieder Bäume, Sträucher und blühende Wiesen hervorbringen und gedeihen lassen darf und wo der Mensch wieder Menschen sein darf, unterwegs zu Fuß, per Fahrrad, mit einem touristenführenden Buch, in oder ohne Begleitung eines Hundes. In jedem Fall aber ohne die begleitende Angst der Lebensbedrohung.
Hier, wo ein Land gespalten, eine Stadt in zwei Hälften zerrissen wurde und damit die hässlichste und blutendste Wunde der deutschen Teilung präsentierte und eine weit in den menschlichen Augenschein hinein und tief in die menschlichen Seelen ragende Vorhölle schuf, die das Leben ganzer Generationen prägte, wo ignorant Familien entzweit und menschliche Herzen auseinander gerissen, mitunter auch von Gewehren zerschossen wurden und wo dann noch der Todesschütze eines Mauerflüchtigen staatlich mit einem Geldbetrag, Sonderurlaub und einem Leistungsabzeichen prämiert wurde, hier ist man heute aufgrund der vielerorts weit verbreiteten Ruhe eher „weit weg vom Schuss“ und die einzigen heute hier noch vernehmbaren Schüsse sind: ein Schuss Sportlichkeit der vielen fleißigen Radfahrer und Jogger, ein Schuss Naturverbundenheit und Tierliebe der zahlreichen Hundebesitzer mit ihrer vierbeinigen Begleitung oder Kinder die spielend auf einer Wiese mit dem Fußball einen Schuss wagen...
Hier, wo ich als ein kleiner Junge von der Mutter nur unter Verwendung eines mitzuführenden Passierscheins heilen Körpers meine im DDR-Grenzgebiet gelegene Kindertagesstätte erreichen konnte und wo dann doch unheilvoll und alltäglich die dunklen Schatten des real existierenden antifaschistischen Schutzwalls in meine kindlichen Augen fielen und die noch zarte kleine Menschenseele formte und hier, wo ich während der Turnübungen im tagesstättischen Kellergewölbe meinen kleinen Körper formte und durch die schmalen Fensterschlitze den im vorbeifahrenden Kübelwagen sitzenden, patrouillierenden Grenzsoldaten direkt ins Gesicht schauen konnte, dabei aber ein Gefühl der Bedrohung und nicht des Beschütztwerdens empfand und auch das mich formte, hier also, direkt im Grenzgebiet des Bereiches der Treptower Kiefholzstraße verbrachte ich im alltäglichen, unmittelbaren Anblick der Berliner Mauer meine Kindheit und Jugend. So gesehen bin ich ein waschechtes, ein reines Mauerblümchen. Heute gedeihen in eben diesem Gebiet andere Blümchen, die meist der Natur entsprungen sind und im Gegensatz zu mir können sie, nachdem die Mauer restlos verschwunden ist, heute nun unbehelligt von einem Mauerschatten heranwachsen. Welch eine schöne Metamorphose der Geschichte!
Hier, wo menschliches Handeln, humanes Denken und persönliche Anteilnahme von politischem Dogmatismus, individueller Maßlosigkeit, von Narzissmus und Machtversessenheit, aber auch von Überzeugung, Opportunismus, ziviler Unterwürfigkeit und vielem mehr vernebelt und geschlagen wurde, hier, wo dann aber letztendlich doch, unmittelbar ausgelöst durch Schabowski’s Zettel, die Mauer, die ein ganzes Land kasernierte, von versammelter bürgerlicher Courage und Auflehnung endgültig zu Fall gebracht wurde, hier ist heute aus der einstigen rund 160 Kilometer langen humanistischen Strangulationsschlinge der Grenzanlagen das grüne Band des Berliner Mauerweges rund um das alte West-Berlin als Rad- und Fußwanderweg wunderbar entwachsen.
Nun sind an diesem Ort heute keine republikflüchtigen Grenzverletzer mehr zu sichten, bestenfalls Zivilisationsflüchtlinge des Großstadttreibens, die als Kurzaussteiger der pulsierenden Alltagshektik entfliehen oder die als Naturbegeisterte, Sporttreibende, Erholungssuchende, Geschichtsinteressierte und flanierende Müßiggänger oder als sonstwie Geneigte ihren Dingen nachgehen - und mittendrin ich. Wunderbar! So ist der Berliner Mauerweg, der weitgehend dem früheren Verlauf der Berliner Mauer um West-Berlin folgt und durch Bürgerinitiativen den Menschen nahezu unbebaut und komplett zugänglich geblieben ist, heute ein Wallfahrtsort für die Freizeit und die Naherholung der Menschen geworden. Der Mauerweg ist in 14 einzelne Teiletappen gegliedert sowie durchgängig beschildert. Entlang des Weges befinden sich viele Stationen mit Übersichtstafeln, Infostelen mit historischen Informationen, Denkmäler und eine Reihe anderer Geschichtszeugnisse. Für die Etappe Warschauer Straße nach Schöneweide sind hier als attraktive Anlaufpunkte beispielsweise der Wachturm am Schlesischen Busch, das Mahnmal für die Maueropfer in der Kiefholzstraße sowie der Bereich des ehemaligen Grenzüberganges Sonnenallee erwähnt. Es lohnt sich, den Berliner Mauerweg zu erlaufen und zu erleben und heute nun kann sich hier jeder nach seinem Gusto frei bewegen und so nach seiner Fasson selig werden.

von L.H.

Wegbeschreibung
S + U Bahnhof Warschauer Straße