Parkanlage Johannisthal

Allerlei Leben im Park

Nach einem fleißigen Arbeitstag hinein in die S Bahn und schon eine Station weiter konnte ich bereits wieder aussteigen. Gut gelaunt nicht nur wegen Feierabend, sondern auch, weil mir in der Bahnunterführung keine der unzähligen Taubenviecher auf die Klamotten gekackt hatte, führte es mich eiligen Schrittes zur nahe gelegene Parkanlage in Johannisthal. Auch dort war das Glück ganz auf meiner Seite, denn meine Bank, die schönste Bank in der Parkanlage im Halbschatten einer stämmigen Eiche, stand mir wieder einmal ganz alleine zur Verfügung. Um während des Aufenthaltes das Sitzrecht auf meiner angestammten Bank unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen und die Hemmschwelle für ungebetene Setzlinge an meiner Seite zu erhöhen, nahm ich mittig der Bank eine ausladende Position ein, Rucksack und Jacke zu meiner rechten und 2 leere Bierflaschen, die neben der Bank gestanden hatten platzierte ich zur linken auf meiner Bank. Im Gesamtpaket besehen und aus Erfahrung heraus, genug Abschreckungspotential gegen Eindringlinge in meinen Dunstkreis verdienter Geruhsamkeit.
Jawoll, so konnte ich endlich die Blicke über die frisch rasierte Liegewiese, den alten Baumbestand und den gepflegten Wegen schweifen lassen und mich über die Ausnahmeerscheinungen der geschätzten deutschen Rechtsauffassung erfreuen. Dass sie mit dem Fahrrad über die Wege brausten wo es verboten, dass sie ihren Purzel und Pepe und Struppi ohne Leine, was auch verboten und insbesondere das Lösen von Flüssig- und Feststoff auf der Liegewiese, das eigentlich vom Halter sorgsam in ein Plastiktütchen verpackt hätte werden sollen müssen. Die Anzahl der Gesetzesüberschreitungen in nur wenigen Minuten war schon bedenkenswert, vielleicht doch keine Ausnahmen oder temporäre charakterliche Schwächen, sondern öffentlich bekennender Verdruss an Recht und Gesetz, eine Flut von Ignoranz und Widerwilligkeit, anarchistische Rinnsale, revolutionäre Umsturzbäche, die gegebenenfalls zu einem reißenden Strom und mit ausufernden Ausmaßen das gesamte Land überschwemmen, wenn das jeder so machen würde obwohl verboten. Aber kein Parkwächter vom Ordnungsamt in Sicht, der heute fetten Beute, ein erkleckliches Sümmchen an Bargeld zur Buße und nachhaltiger Abschreckung gegen das Verbrecherpack hätte einsäckeln können, Flagge gezeigt hätte sachlich und nüchtern nach Paragraph und Absatz und Ziffer. Nachdem der dritte Flaschensammler neben mir den Dreckeimer durchwühlte und erfolgreich die zwei leeren Bierflaschen zu meiner linken erbettelt hatte, machte ich mir keine Gedanken mehr um einen erneuten Flankenschutz, sondern erhob mich, um zu dem Rondell auf der anderen Seite der Liegewiese zu schlurfen, wo ich derweil einige mir bekannte Schachspieler gesichtet hatte und wo hausgemachter Extremismus zum schnöden Alltag gehört.
Kurz wurde ich von den zwei Spielern und den drei Zuschauern begrüßt. Ein Blick hatte genügt um zu erkennen, dass der König der Könige, nicht der schwarze oder weiße, sondern König Alkohol mal wieder die Szenerie beherrschte. Kein guter Geist mit dem uns die Werbemanager der Alkoholindustrie zum Saufen begeistern wollen, sondern ein Massenmörder, dem laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) alleine in Deutschland jährlich 74.000 Menschen zum Opfer fallen und weltweit besehen stirbt alle zehn Sekunden ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholsucht.
Hans hatte nicht aufgepasst und sein Pferd schutzlos im Schlachtfeld postiert, das dann auch gleich im Gegenzug von Andreas niedergemäht wurde. Hans schickte daraufhin seinen Bauer ins Kriegsgetümmel, wohl als Vorhut für einen möglichen Vergeltungsakt erdacht, der sich allerdings als Verzweiflungszug entpuppte, denn nun konnte Andreas seinen Läufer die gesamte Diagonale durchziehen und dem Hans die so wertvolle Dame rauben. Hans kapitulierte, nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierpulle, noch einen 44-prozentigen Magenbitter hinterher und forderte Revanche. Die Fehlleistungen beider Spieler waren mir schon zu Beginn der nächsten Partie zu eklatant, so dass ich das Interesse verlor und es vorzog, mich einem kleinen Nickerchen auf der Liegewiese hinzugeben und die restliche Sonnenwärme des Tages zu genießen.

von MiRi

Wegbeschreibung
S Schöneweide
Fußweg 5 Minuten Richtung Sterndamm linke Seite