Die Müggelberge

Vom Müggelturm zum höchsten Berg Berlins

Zweimal jährlich, jeweils im Frühjahr und im Spätsommer erklimme ich den Müggelturm. Meine Freude auf dieses Abenteuer trübte lange Zeit die ungeklärte Sachlage um dieses Köpenicker Wahrzeichen.
Von Carl Spindler, einem Eigentümer der Köpenicker Großwäscherei in Spindlersfeld, wurde 1880 ein 10m hoher Aussichtsturm geschaffen- der Müggelturm war geboren, damals noch bescheiden "Spindlerturm" genannt. 1889 ließ Spindler den Turm von dem deutschen Architekten Max Jacob für 40.000 Mark im chinesischen Pagodenstil erweitern. Der Turm mit einer Höhe von 27 Metern wurde am 6. April 1890 , ein Ostersonntag, eröffnet. Sanierungsarbeiten brachten dem hölzernen Bauwerk 1957 durch Schweißarbeiten einen schrecklichen Feuertod, doch die Köpenicker ließen sich ihren Müggelturm nicht nehmen. Mit Spendengeldern und freiwilliger unentgeltlicher Arbeit unterstützten sie den Bau eines neuen Müggelturmes, die Wiedergeburt wurde in der Silvesternacht 1961 feuchtfröhlich gefeiert. Der 29,61 Meter hohe, in Stahlbetonskelettbauweise errichtete Turm hat neun Geschosse mit Panoramafenstern und einer Plattform, die über eine Treppe mit 126 Stufen erreichbar ist und steht so heute noch, dringend sanierungsbedürftig, aber begehbar.
Nun, just in diesem Jahr 2017, fanden die langen Machtkämpfe unserer Stadtväter mit ungezählten Investoren, die nach der politischen Wende Ostdeutschlands 1990 über die Müggelberge herfielen, ein gutes Ende.
Im September 2017 erhielt Eigentümer Matthias Große die Baugenehmigung für das gesamte Areal. Der vollständigen denkmalgerechten Sanierung steht nun also nichts mehr im Wege.
Im März 2017 wurde die Gaststätte "Müggelturm-Baude" im Untergeschoss schon eröffnet! Täglich von 10 bis 20 Uhr erhalten Besucher hier Getränke, Kuchen, Eis und kleine Speisen.
„Der Müggelturm ist wieder ein Köpenicker!“
Unter diesem Motto des Eigentümers Große kletterte ich froher Dinge aus Richtung Teufelssee kommend die 1928 angelegte und 1953 erneuerte nordöstliche Treppe mit ihren 111 Stufen hinauf zu diesem alten neuen Köpenicker. Dieser Aufstieg ist nicht so beschwerlich, wie der Leser vermuten könnte , ich empfehle diesen Aufstieg, denn die andere, südliche Treppe, ebenfalls 1928/53 angelegt/erneuert hat 243 Stufen und ist wesentlich steiler.
Oben angekommen staunte ich nicht schlecht, dass nun auch PKW-Parkplätze für Besucher vorhanden sind, das war immer ein manko für Gehbehinderte gewesen.
Die beigefügten Bilder geben einen kleinen Eindruck vom bereits Geschaffenen und es geht zügig weiter.
Auch ich war nach kurzer Rast zügig in östliche Richtung aufgebrochen und wanderte auf dem Kamm der Müggelberge weiter, denn die höchste natürliche Erhebung Berlins hat mich noch nie gesehen…. . An verschiedenen Stellen des befestigten Kammweges wurde ausdrücklich gewarnt, wie es die Mutter von Rotkäppchen tat, nicht vom Wege abzukommen. Zum Glück noch nicht vor Wölfen, sondern weil das Gebiet so weit wie möglich naturbelassen bleibt, Holzbruch kann jederzeit auftreten, größere Unebenheiten führen zu Stürzen. Ich fühlte mich dennoch wohl behütet, immer wieder gab es gepflegte Rastplätze.
Die Müggelberge sind, wie ganz Berlin und Brandenburg, von den aus Skandinavien vorstoßenden Gletschern während des Eiszeitalters geformt worden. Sie bestehen daher meist aus Schmelzwassersand und vereinzelt Geschiebemergel. So hatte die Natur auch die Grundlage für eine große Rodelbahn geschaffen, die lange Zeit nicht nur die Köpenicker Kinder erfreute. Seit 1938 gibt es in den Müggelbergen eine Holzbrücke, auf der ein offizieller Wanderweg die ehemalige Rodelbahn überquert, 1992 wurde die Rodelbahn behördlich gesperrt.
Sehr oft begegneten mir Radfahrer mit besonders interessanten Modellen unterm Allerwertesten, kein Wunder. Die ehemalige Rodelbahn wird nun als Downhill-Strecke genutzt, sie soll die einzige öffentliche ihrer Art in Berlin sein und wird vom Downhill Berlin e.V.betrieben
Bald hatte ich auch die eigentliche Startkonstruktion für die Abfahrt erreicht. Man hat hier eine wunderschöne Aussicht auf den Müggelsee bis nach Friedrichshagen, ein idealer Rastplatz mit rustikalen Holzmöbeln unter freiem Himmel.
Nun, so dachte ich, bist Du wohl ganz oben, doch irgendetwas fehlte- wo war nur der höchste Punkt? Der Gipfel im Wald?
Nix zu sehen weit und breit, wahrscheinlich wieder gestohlen, wie 2015? Da wurde das Gipfelkreuz einfach abgesägt.
Nun, wie dem auch sei, mich interessierten auch die beiden anderen neuzeitlichen Bauwerke, die sich wie aus fernen Welten geschaffen zwischen und über den Bäumen in den Himmel recken und so führte mich meine Neugierde weiter.
Bald hatte ich sie erreicht, das Gelände jeweils ist weitläufig umzäunt, der eigentliche Eingang blieb mir verborgen, da kommt man wahrscheinlich nur von der Nordseite heran. Es waren technische Einrichtungen des Post-und Fernmeldewesens der DDR, die heute ebenso genutzt werden und auf historischem Grund und Boden stehen.
Hier befindet sich ein 64m hoher Sendemast und der 31m hohe Turmstumpf des unvollendeten Fernsehturms Müggelberge. Er sollte ursprünglich der Fernsehturm von Berlin werden mit einer Höhe von 130 m und einer Aussichtsplattform auf 70 m. Als mit dem Bau 1954 begonnen wurde, hatte man jedoch übersehen, dass der Turm eine Gefahr für die anfliegenden Flugzeuge des Flughafen Berlin-Schönefelds sein könnte. Der Bau wurde im Dezember 1955 eingestellt. Der Turmstumpf dient heute unter anderem der Telekom als Richtfunkmast und trägt eine Radarkuppel auf seiner Spitze.
Außerdem war hier 1904 eine Bismarkwarte, 40m hoch mit Aussichtsplattform. Kurz vor Ende des Krieges wurde sie 1945 von deutschen Truppen aus strategischen Gründen gesprengt. Dieses Schicksal drohte auch dem Müggelturm, konnte aber in letzter Minute verhindert werden.
Nun genug gesehen, dachte ich und wanderte weiter in Richtung Osten. Plötzlich stand ich vor einem Wegweiser: "Zum höchsten Berg Berlins"...
Es geht also noch höher und es ging höher. Das war dann 5 Minuten mehr Kraxeln als Wandern, steil bergauf an Baumwurzeln Halt gesucht und gefunden.
Und ich hatte Glück, das Gipfelkreuz war neu errichtet und nicht gestohlen. Bank und Tisch luden mich wieder zum Verweilen ein und bald machte ich mich an den Abstieg nach Müggelheim und mit dem Bus nach Hause, Richtung Köpenick. Vorbei an den Müggelheimer Bergen und doch mitten im Wald und nur einen Sprung weit weg vom Müggelsee.
Theodor Fontane ist hier viel gewandert, ich weiß, warum.

von U.L.

Wegbeschreibung
Bus 169