Supermarkt Frankfurter Allee bei Nacht

Mitternächtlicher Einsatz des Verkaufspersonals gegen Hunger und Durst

Wenn sich ein armer, geplagter Lieblingsortemitarbeiter mal wieder im Dienst der Menschheit den ganzen Tag die Finger wund geschrieben hat, sein Blick in den leeren Kühlschrank und danach zur Uhr wandert, die 23 Uhr 30 anzeigt, was bleibt ihm dann?
Nein nicht der Gang zum Dönerimbiss, wo Vergiftungsgefahr durch Gammelfleisch lauert oder der zum Späti wegen Chips und Cola, nein es gibt um diese unchristliche Zeit noch wesentlich attraktivere Einkaufsmöglichkeiten (Wozu wohnt man denn in Berlin, der Stadt, die niemals schläft?), nämlich den Rewe Supermarkt an der Frankfurter Allee, der wochentags bis 24 Uhr geöffnet hat und an Sonnabenden und vor Feiertagen bis 23 Uhr 30. Bitte die letztere Information verinnerlichen, ich musste am 23.12. um 23 Uhr 31 schon in enttäuschte Gesichter von Leuten blicken, die auf den letzten Drücker noch ihr Weihnachtsmenü retten wollten.
Also schnell auf dem Hof das Fahrrad gegriffen und den Wiesenweg runter gefahren, links in die Schulze - Boysenstraße eingebogen, und da ist er ja auch schon. Inmitten von Hochhäusern, in einer um diese Tageszeit menschenleeren Gegend, erwartet einen dieser Supermarkt noch mit hell erleuchteten Scheiben, um die Hungrigen zu nähren, mich vor Vitaminmangel zu schützen und vor allen Dingen, um den Durstigen noch etwas zu trinken zu geben, damit sie die Nacht überstehen.
Wenn ich meinen Einkaufskoller kriege, muss jedesmal der Kunde mit der trockenen Kehle hinter mir, der nur zwei Flaschen Bier und eine Schachtel Zigaretten auf das Laufband gelegt hat, eine Ewigkeit warten bis mein Lebensmittelberg abkassiert ist.
Den meisten steht um diese Tageszeit nicht der Sinn nach Gurken, Schinken und Pizza. Woanders warten schon sehnsüchtig die Kumpels auf sie, dass endlich der Getränkenachschub kommt. Wenn ich schon mal einkaufe, kaufe ich richtig ein.
Die Studenten, die da um diese Zeit an der Kasse sitzen, sind immer sehr aufgeschlossen und gesprächig. Sie scheinen sichtlich Spaß bei der Arbeit zu haben. Aber auch das übrige Verkaufspersonal ist um diese späte Stunde immer glänzender Laune, vielleicht liegt das daran, dass die Katze (Chef) schon aus dem Haus ist.
Eine Studentin erzählte mir, dass sie ernsthaft nach ihrer Schicht noch ins Fitnessstudio will, das angeblich rund um die Uhr geöffnet hat. Vielleicht war ich in meiner Jugend auch mal so verrückt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich vor über 30 Jahren nach der Spätschicht im Backwarenkombinat noch Joggen war, obwohl ich damals nur 50 Kilo wog.
Ein anderer Student, der fast immer da ist, will als künftiger Grundschullehrer sein Leben wohl in den Dienst der Pädagogik stellen. Hoffentlich behält er dabei seine gute Laune. Ich spreche da aus Erfahrung, denn meine ganzen Verwandten, auch meine Eltern sind fast alle Lehrer.
Kurz vor Toresschluß, 23 Uhr 50, als alle schon auf gepackten Koffern sitzen, auch der Wachmann, kommen noch ein paar Männer mit einer großen blauen Tüte mit leeren Flaschen, was für Entsetzen sorgt und den ersehnten Feierabend in die Ferne zu rücken droht.
Auf der Rückfahrt geht mein Fahrrad bei den drei schweren Taschen fast in die Knie, aber das Überleben ist wieder für eine Woche gesichert dank des nächtlichen Einsatzes des Verkaufspersonals bei Rewe. Mein Nachbar kuckt neugierig durch seinen Türspion, wer da wohl nach Mitternacht noch mit schwerem Gepäck die Treppen hochkommt.

von Tanja

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