Kleiner Park am Rummelsburger See

The Secret Garden oder Der letzte Sommer des Paradou

„Oh komm! Niemals haben Gräser weichere Lager bereitet. Mit einer Blume habe ich den entlegenen Winkel gekennzeichnet, zu dem ich Dich führen will. Es ist ein grüner Schlupfwinkel tief im Gebüsch, wie ein großes Bett so breit. Vor dort hört man den Garten leben, mit seinen Bäumen, seinen Wassern, seinem Himmel. Der Atem der Erde selbst wird uns wiegen.“

Dieser Satz, den das Naturkind Albine zu ihrem Geliebten Serge sagt, ist leider nicht von mir sondern von Zola, jemand der besser über die Schönheit von Gärten schreiben kann und ist seinem Roman „Die Sünde des Abbe Mouret“ entnommen.

Ich habe Anfang der 90ziger ein paar Jahre in der Neuen Bahnhofstraße gewohnt, aber gar nicht gewußt, welche Naturoase 10 Fahrradminuten weiter am Rummelburger See existierte. Erst als ich schon in die Gubener Straße umgezogen war, entdeckte ich bei einer Fahrradtour zufällig den Rummelsburger See.
Im Sommer 2001, erklärten mein Freund und ich den Park am Rummelsburger See zu unserem Domizil. Damals hatten wir, trotz des schönen Sommerwetters, den Park fast für uns alleine, die ganzen Häuser, die jetzt linkerhand Richtung Treptow stehen, gab es noch nicht. In diesem Park gab es einen Gartenarchitekten mit Verstand und Liebe zur Natur und einem Gefühl für die Pflanzen. Dieser Gartenarchitekt machte das klügste, was er tun konnte, er hat die Natur in Ruhe gelassen.
Wicken rankten sich an rostigen Maschendrahtzäunen entlang, ein niedriger Holzzaun, der an einen Weidezaun erinnerte, grenzte den Weg zum Rummelsburger See hin ab. An diesem Zaun tastete sich jeden Tag eine blinde Frau mit ihrem Hund entlang. Nichts war neu angepflanzt oder ausgerissen worden, man beließ die Pflanzen an Ort und Stelle, wohin sie sich selbst ausgesäht und Wurzeln geschlagen hatten.
Als in Berlin mal ein großer Sturm tobte und in Charlottenburg in einem Park, in der Nähe von meinem Freund, ein einziges Baummassaker stattgefunden hatte, wurde der kleine Park in Rummelsburg vollkommen verschont. Wahrscheinlich waren die Bäume hier besser verwurzelt. Auch während einer großen Hitzewelle, als die Menschen im Volkspark Friedrichshain auf brauen Wiesen saßen, grünte und blühte es im Kleinen Park wie immer, obwohl niemand für Bewässerung sorgte.

Vor über 10 Jahren setzte dann eine große Bebauung auf der linken Seite des Parks, wenn man in Richtung Treptow geht, ein.

"Der alte Blumengarten gab ihnen das Geleit. Weites Feld auf dem seit einem Jahrhundert alles wild durcheinanderwuchs, paradiesischer Winkel, da der Wind die seltensten Blumen säte. Es war dort eine gleichmäßige Temperatur, ein Boden, den jede Pflanze lange gedüngt hatte, um hier, in der Stille, ihrer Kraft zu leben.
Der Pflanzenwuchs war dort unermeßlich, prächtig, stark verwildert, voller Zufälligkeiten, die eine ungeheuerliche Blütenpracht entfalteten, wie sie dem Spaten und den Gießkannen der Gärtner unbekannt war."

Zola aus "Die Sünde des Abbé Mouret"


So um die ehemaligen Knabenhäuser herum, ein Stück weit hoch in Richtung Treptow existierte ein verwunschenes Naturparadies, das man eigentlich nur mit dem Paradou (einem verlassenen Gutsgarten, wo das Naturkind Albine herrscht) aus „Die Sünde des Abbe Mouret“ vergleichen kann. Im Laufe der vielen, vielen Jahrzehnte, die das Gelände brachlag, hatte es sich in einen zauberhaften, verwunschenen Dschungel verwandelt, mit Diesteln so hoch wie Häuser und Schmetterlingen so groß wie in Afrika, dort blühten wilde Blumen von nie gesehener Schönheit. Dieses Gelände wirkte irgendwie der Welt entrückt. Ich habe mal einen Film gesehen, wo Leute sich in den Urwald einen Weg hineinschnitten und der hinter ihnen gleich wieder zuwuchs. So muss man sich das vorstellen. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen und danach auch nicht wieder.
Man ahnte, dass diesem Garten kein langes Leben mehr vergönnt war, er hatte schon die Aura der Vergänglichkeit. Die exotischen Riesendiesteln und Schmetterlinge wußten nichts von Grundbucheinträgen und lebten noch so fröhlich vor sich hin, ohne zu ahnen dass in Architekturbüros und Anwaltskanzleien schon böse Pläne geschmiedet wurden. Jedenfalls wurde das Paradou mit Stumpf und Stiel ausgerottet.
Dieses Fleckchen Erde hätte man anfassen müssen, wie einen kostbaren Edelstein. Es ist mir schon klar, dass Häuser gebaut werden müssen, aber so groß war diese Fläche eigentlich gar nicht. Man hätte sie zum schützenswerten Naturbiotop erklären können, wenn man denn gewollt hätte. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Die Leute kommen damit nicht klar, dass etwas umsonst ist. Diese Oase war ein Geschenk der Natur an den Menschen und einfach so zugänglich für jedermann. Wo kein Preisschild dran hängt, dass sehen viele als wertlos an. Die Natur ist wie in dem Roman von Zola etwas Wildes und Unberechenbares, das zurückgedrängt werden muss, das kaserniert und Zwängen unterworfen werden muss. In ihrer Heimat zerstören die Menschen die Natur und dann drängeln sie sich auf den Flughäfen, um irgendwo noch ein authentisches Fleckchen Erde zu entdecken.

Bei dem Anblick des zerstörten Paradieses fiel ein junger langhaariger Mann, der dort zusammen mit seinen Freunden unterwegs war, auf die Knie und begann zu weinen. Das war natürlich ein bißchen theatralisch, aber es zeigte mir, dass mein Freund und ich nicht die einzigen waren, die an diesem Fleckchen Erde gehangen hatten. Vielleicht hätten wir uns zusammenschließen müssen?

PS Der Titel „Der geheime Garten“ soll an das Buch von Frances Burnett erinnern.

von Tanja

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