Videoabend mit den Hausbesetzern vom Supamolly

Chanson de Bianca

"Ich versuche nie mich daran zu erinnern, was in einem Buch passiert ist, alles was ich von einem Buch verlange, dass es mir Energie und Mut gibt, dass es mir von dem Leben erzählt, dass ich mir nehmen kann, und mich so an die Dringlichkeit zu handeln erinnert.

...Ich finde meine einzigen wahren Freuden in der Einsamkeit. Meine Einsamkeit ist mein Palast. Da habe ich meinen Stuhl, meinen Tisch, mein Bett, meinen Wind und meine Sonne. Wenn ich woanders sitze als in meiner Einsamkeit sitze ich im Exil, sitze ich in einem trügerischen Land. Weil ich träume bin ich nicht."

In der Simon Dach Straße vor dem Gebäude der KWV klebte ein Zettel mit einer Ankündigung von einem Videoabend in der Hausbesetzerkneipe Supamolly. Der Videoabend fand im Hinterzimmer vom Supamolly statt. Erst gab es einen japanischen Fantasyfilm und dann kam er, „Leolo“ mein zukünftiger Lieblingsfilm. Ich habe diesen Film von den ersten Minuten an für ein geniales Meisterwerk gehalten. So einen Film wie diesen hatte ich bis daher noch nie gesehen.
Es begann damit, dass man eine Pute in einer Badewanne sah, die Leolos Großmutter bei einer Verlosung gewonnen hatte. Der kleine Junge Leolo, ein Frankokanadier, flüchtet in die Fantasie, ein Italiener zu sein. In seiner Familie wird das Scheißen zur Obzession erhoben. Ein alter Mann, der sich normalerweise damit beschäftigt zerrissene Liebesbriefe zu sammeln, kommt und legt ein Buch unter den wackligen Küchentisch. So kommt Leolo zu seinem einzigen Buch. In diesem Stil geht es in dem Film locker weiter.
Bald riefen deshalb einige der Autonomen im Supamolly „Aufhören, Aufhören“. Wir stimmten ab und mit einer Stimme Vorsprung für die Befürworter wurde der Film fortgesetzt. Bald wurde ich aber von meinem Empfindungen so überwältigt, was mir noch nie passiert ist, dass ich auch gehen musste.

Wie vor den Kopf geschlagen, lief ich die Straße runter und ständig ging mir der Satz „Und weil ich träume bin ich“ im Kopf herum. Es ist so, als wenn einem ständig Gedichte vorgelesen würden. So hat mich noch nie ein Film beeindruckt. Eine Musik- und Farbexplosion sondergleichen (es kommt einem fast so vor als hätten französische Expressionisten wie Monet und Manet die Bildbearbeitung gemacht) ist mit schrägen Dialogen und vielen Selbstgesprächen unterlegt.

Ich fühlte mich bei vielem an meine Kindheit erinnert. Leolos Schwester, die Bienenkönigin, erinnerte mich an ein geistig zurückgebliebenes Mädchen aus meinem Dorf, die mit den Insekten auf Du und Du war und wirklich niemals von Bienen gestochen wurde. Sie flatterten um sie herum und saßen auf ihrem Gesicht und ihren Haaren aber stachen sie nicht. Sie konnte sie auch mit der Hand berühren.
Die Szene wo er eingehakkt mit seiner Mutter zusammen geht, erinnert mich an die Spaziergänge mit meiner Oma. Sie hatte genauso eine Tasche und war auch so klein und mollig.
Leolos unerfüllte Kinderliebe gilt dem älteren Mädchen Bianca, das italienischstämmig ist, aber Italien nie gesehen hat. Er träumt davon, mit ihr in ihre sonnige Heimat zu gehen.
Meine unerfüllte Kinderliebe mit 12 Jahren galt einem älteren Jungen aus meinem Dorf. Er war mit seiner Familie aus Rußland übergesiedelt. Obwohl er noch ganz klein war, als er sein Land verlassen hat, haftete für mich der geheimnisvolle Zauber seiner russischen Heimat an ihm. Ich brachte ihn immer mit der Wolga, dem Don, dem Jenissei, Sibirien (er kam wirklich aus Nowosibirsk) und den Büchern von Tolstoi und Tschechow in Verbindung.

Am nächsten Tag ging ich nochmal in die Simon Dach Straße zu dem Aushang, um den Titel des Films zu erfahren. Zum Glück hatte den Zettel noch niemand abgerissen.

Ein paar Monate später sollte er endlich nachts um drei in der ARD gezeigt werden. Ich hatte den Videorekorder startklar, aber kein Leolo kam. Wieder ein paar Wochen später klappte es aber endlich mit der Aufnahme, und ich habe diesen Film vielleicht 20 Mal am Stück gesehen und auch keinen Gast damit verschont. Später in Zeiten des Internets habe ich mir Ausschnitte aus dem Film von youtube auf meinen Mp4 Player geladen und ständig mit mir rumgetragen unter anderem auch die beste Szene wo Bianca singt.

Übrigens das Buch in dem Leolo im Schein der offenen Kühlschranktür ständig liest, ist von dem frankokanadischen Autor Réjean Ducharme und die deutsche Übersetzung heißt „Von Verschlungenen Verschlungen“. Als es vor ein paar Jahren endlich auf deutsch erschienen ist, habe ich es mir gleich gekauft und mir leider die Zähne daran ausgebissen. Es entzieht sich allen Lesegewohnheiten.

Ein Großteil der Filmmusik ist der Misa Criolla von dem lateinamerikanischen Komponisten Ariel Ramirez entnommen. Auf deutsch heißt das wohl Creolische Messe, wie mir mein spanischer Freund sagte. Ihn beeindruckte der Film ebenfalls sehr obwohl er die Worte gar nicht verstand. Die Misia Creola habe ich jetzt als Platte und ebenfalls als Download auf den MP3 Player.
Der Regisseur des Films, Jean-Claude Lauzon, ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, so dass es von ihm leider keine Filme mehr geben wird.

Jedenfalls noch mal vielen Dank an die Supamollyleute von damals dafür, dass sie mich mit diesem Film bekannt gemacht haben.

PS Übrigens erzählte mir meine Mutter, die 1933 in einer Arbeiterfamilie in Malchin geboren wurde, dass es in ihrer Familie auch kein einziges Buch gab.

Das obere Zitat ist dem Film entnommen und das untere dem Buch "Von Verschlungenen verschlungen" von Réjean Ducharme.

von Tanja

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