Ausstellung Copacabana Palace - Pictures at an Exibition

Orfeu Negru, langgesuchter Film, nach 40 Jahren wiederentdeckt (Frühlingsspecial)

Das ist ein Frühlingsspecial, und Prinz Harry und Meghan Markle haben mich nicht zu ihrer in drei Tagen, also dem Sonnabend vor Pfingsten, stattfindenden Hochzeit eingeladen, womit ich aber leben kann.

Unweit der Warschauer Straße, vorbei an der Hochburg der Veganer in Friedrichshain dem Extra Veganz, liegt der Helsingforser Platz, der ja eigentlich nur eine Straßenbahnwendeschleife ist. Ich muß bei dem Namen immer an van Helsing den Vampirjäger denken und schmunzeln.
Das an den Platz angrenzende Gebäude, dass wegen Bauarbeiten zurzeit mehr wie der von Christo verhüllte Reichstag aussieht, beherbergt vom 27. April bis zum 8. Juni 2018 die Ausstellung Copacabana Palace. Also laßt Euch nicht irritieren, schiebt die Planen beiseite und tretet ein.
Bei der letzten Ausstellung haben einen amerikanische Gefangene noch traurig durch die Gitterstäbe angesehen, doch momentan springt einen das pralle brasilianische Leben von den Wänden an.
Genauer gesagt geht es in der Ausstellung „Copacabana Palace“ um sechs wegen Korruption und Vetternwirtschaft nicht fertig gewordene Sozialblöcke in Rio de Janeiro, die illegal bewohnt sind. Es gibt keine Fenster und Türen, aber das schlimmste ist, es ist auch für eine Kanalisation kein Geld mehr dagewesen.
Den Geruch kann man sich ausmalen, wie uns der Fotograf Peter Bauza bei der Vernissage berichtete. In Rio fällt ja die Temperatur selten unter 30 Grad. Bitterarme Besetzer, haben sich so gut wie möglich mit den Gegebenheiten arrangiert.
Die Bilder der Ausstellung erinnern mich an den Film „Orfeu Negru“, den ich durch das Schreiben des Artikels wiederentdeckt habe. In diesem preisgekrönten Kunstwerk aus dem Jahre 1959, wird das Leben der schwarzen Bevölkerung in Rio zur Zeit des Karnevals gezeigt. Ich habe diesen Film vor ungefähr 40 Jahren das erste Mal im DDR Fernsehen gesehen, aber leider den Titel vergessen. Der Film ging mir nie mehr richtig aus dem Kopf raus.
Es wird ein etwas zu aufgesetzt fröhliches, sorgloses, aufgepeischtes Karnevalstreiben gezeigt, bei dem sich im Hintergrund immer mehr das Gefühl einer unbestimmten Bedrohung breitmacht. Der Zuschauer wird das beklemmende Gefühl nicht los, dass alles unaufhaltsam einer Katastrophe zusteuert.
Bei der Internetrecherche zu diesem Artikel habe ich bloß Rio, Samba, Cachaca eingegeben und wurde sofort auf die richtige Fährte zu dem seit 40 Jahren verschollenen Film geführt. Ein paar Minuten später konnte ich ihn mir auf You Tube in Orginalsprache (leider) anschauen. Vielen Dank an Peter Bauza.

Ein Mitschüler meinte damals, er hält den als Tod kostümierten Mann, der dem schwarzen Mädchen Eurydike im Karneval folgt, für eine Versinnbildlichung des weißen Kolonialismus. Man muss sich ja vor Augen führen, dass die dunkelhäutigen Bewohner Brasilians, also auch die Hausbesetzer, die Nachfahren schwarzer Sklaven aus Afrika sind, die von den Portugiesen gewaltsam nach Lateinamerika verschifft wurden.
Auf den Fotos von Peter Bauza sieht man sie beim Überlebenskampf aber auch beim Singen, Lachen, Tanzen, Liebe machen und beim Zubereiten ihrer Speisen. Ab und zu landet wohl auch eine Katze auf dem Grill. Man beobachtet sie beim Ausüben geheimnisvoller afrikanischer Zauberrituale und irgendwie auch beim Sterben. Die wichtigste Musik in Rio ist der Samba und auch der Bossa Nova (höre ich während des Schreibens gerade über Streamingdienst und außerdem kucke ich mir auf youtube den Carneval in Rio an).
Das Volksgetränk ist Cachaca (spricht man Ketschaka aus). Die Wirkungen dieses Teufelswässerchen hat schon der brasilische Dichter Jorge Amado beschrieben. Ich denke mal von ihrem berühmtesten Dichter haben die Bewohner nie etwas gehört, geschweige denn etwas von ihm gelesen. Warum sollten sie auch, sie sehen ja selber so aus wie geradewegs seinem Roman „Herren des Strandes“ entsprungen. Dafür kennen sie sich bestimmt sehr gut mit komplizierten Sambaschritten aus.

PS Zu meiner Schande muß ich gestehen, dass ich mir die englische Prinzenhochzeit im Fernsehen angekuckt habe. Größere Gegensätze wie diese Bilder und die Bilder in unserer Ausstellung gibt es wohl nicht. Die dunkelhäutige Eurydike aus dem Film Orfeu Negru hat in ihrem weißen Kleid aber irgendwie Änlichkeit mit Meghan Markle, finde ich jedenfalls.

Die englische Titelzeile stammt von der gleichnamigen Platte von Emerson, Lake and Palmer.

von Tanja

Wegbeschreibung
Wenn man aus dem S- bzw. U- Bahnhof Warschauer Straße kommt, wendet man sich nach rechts und überquert die Straße an der nächsten Ampel. Der Helsingforser Platz befindet sich rechts der Bahngleise, neben dem grünen Streifen.