Gardestube

Rosenstraße Alt-Köpenick und „Restauration zur Gardestube“

Obgleich seit fast 60 Jahren Köpenicker, nehme ich mir mindestens einmal im Jahr die Zeit für einen „nostalgischen“ Streifzug durch die Köpenicker Altstadt. In der Laurenzstraße, direkt gegenüber der Pfarrkirche St. Laurentius, befand sich meine erste eigene Wohnung, von hier aus habe ich mit meinem Sohn die ersten Spaziergänge unternommen.
Nicht ohne Grund ist die Altstadt als Denkmalbereich/Ensemble in die Liste der Berliner Kulturdenkmale aufgenommen worden. Es gibt ja auch einiges zu sehen. Restaurierte Häuser aus dem 18. u. 19. Jh. prägen das Stadtbild, machen den Rundgang durch die oft kurzen und engen Straßen zu einer kleinen Zeitreise. Die benachbarte Schlossinsel mit Barockschloss und Kunstgewerbemuseum sowie einen Abstecher zum pittoresken Fischerkietz hatte ich auch in diesem Jahr wieder im Programm. Zurück in der Altstadt, vor einem der wohl bekanntesten Rathäuser unseres Landes stehend, überkam mich der Wunsch nach einem frischen Bier und etwas Kräftigem zu essen. Etliche Restaurants und Cafes in der näheren Umgebung des Rathauses machen die Wahl der Lokalität nicht leicht. Diesmal schien mir der Mann, der den Backsteinbau anno 1906 über die Landesgrenzen bekannt gemacht hat, Entscheidungshilfe leisten zu wollen. In Bronze gegossen, schreitet der „Hauptmann“ würdevoll die Stufen des Einganges „seines“ Rathauses hinab. Mit der Linken Hand den Säbel umfassend, hebt er leicht die offene Rechte und weist mit dezenter Geste in die Rosenstraße (zumindest könnte man das annehmen).
Die unscheinbare, an der Nordseite des Rathauses gelegene Rosenstraße zieht sich von der Straße Alt-Köpenick in östlicher Richtung bis zum Schüßlerplatz hin. Laut „Kauperts Straßenführer durch Berlin“ (berlin.kauperts.de) hieß sie bis zum Anfang des 18.Jh. „Kliestowstraße“, danach bis Ende 18.Jh. „Kleine Gasse“. Über den Ursprung des Namens „Rosenstraße“ heißt es: „Nach dem Rosenschmuck in den Fenstern, möglicherweise aber auch nach "Röschen", einem ironisch gebrauchten Synonym für Dirnen, benannt.“
Nun, wer nach letztgenannter Gesellschaft sucht, wird sie heute hier nicht (mehr) finden; wohl aber ein „…fantastic time-warped backstreet local…“, sinng. etwa: „…eine fantastische, wie aus der Zeit gefallene Kneipe in einer Seitenstraße” (eine Empfehlung aus „Around Berlin in 80 Beers“, einem Kneipenführer für englischsprachige Touristen, Cambridge 2012). Dort, wo der Nordflügel des Rathauses endet, direkt gegenüber der Einmündung in die Böttcherstraße, befindet sich im Haus Nr. 3 die „Restauration zur Gardestube“, die sich „älteste noch existierende Kneipe Alt-Köpenicks“ nennen darf. Zugegebenermaßen hatte ich vor meinem jährlichen Ausflug schon ein wenig nach Informationen „gegoogelt“. Bezüglich der Einträge in diversen Foren und Bewertungsportalen sollte man ja sehr vorsichtig sein – die Geschmäcker sind verschieden, und nicht jeder Tag ist wie der andere. Trotz auch durchaus kritischer Äußerungen überwiegen aber auffallend deutlich die positiven Kommentare: „…urige original Köpenicker Kneipe, toll eingerichtet.“; „…Essen ist Spitze, schmeckt so wie es soll, frisch und authentisch“.; „Gemütliches und nostalgisches Ambiente … mit freundlicher Bedienung und leckerer deutscher Küche.“; „Das Bier ist süffig und frisch vom Fass.“; „…sehr gemütliche Bierstube mit leckerer Hausmannskost und gutem Bier“. Geradezu überschwänglich äußert sich ein ausländischer Besucher: „…one of the world’s best places for drinking beer…“. Einer der weltbesten Plätze zum Biertrinken – in der Rosenstraße, Alt-Köpenick? Spätestens jetzt reifte der Entschluss, den so hoch gelobten Ort der Gastlichkeit aufzusuchen.
Köpenicker, die schon zu DDR-Zeiten hier lebten, kennen das Lokal vielleicht noch unter dem Namen „Rosendiele“. Seit 2005 wird sie von Inhaber Oliver Sternbeck unter dem Namen „Gardestube“ betrieben. Das „gemütliche und nostalgische Ambiente“ wurde bewusst und passend zur unmittelbaren Nähe des Schauplatzes der Köpenickiade von 1906 gewählt. Alles ist auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zugeschnitten – das antike Mobiliar, die Emaille-Werbeschilder für Zigaretten und Bier, historische Fotos und Zille-Zeichnungen an den Wänden, Pickelhaube, Säbel und Feldstecher in den Fenstern verleihen den Räumen einen musealen Charakter, versetzen den Besucher zurück in die Kaiserzeit. Die Raumgestaltung ist offenbar so gut gelungen, dass die „Gardestube“ als eine von sechzehn porträtierten „originalen und originellen Alt-Berliner Kneipen“ in den Bildband „Berliner Jahrhundertkneipen – Lokale mit Geschichte und Geschichten“ (Lehmstedt Verlag) aufgenommen wurde. Völlig zu Recht, wie ich mich überzeugen konnte.
Das Angebot an Speisen wird von traditioneller, deftiger deutscher Küche dominiert.
Hier kommt auf seine Kosten, wer sich nicht für überteuerte Restaurants begeistern kann, die auf einem Riesenteller eine Miniportion Essbares mit einem Minzblättchen garniert servieren.
In der „Gardestube“ bekommt der Gast gutbürgerliche Hausmannskost im besten Sinne, und das zu vernünftigen Preisen. Die Karte bietet mit Schnitzel, Roulade, Bauernfrühstück, Currywurst, Boulette, Kesselgulasch, Zanderfilet, diversen Pfannengerichten mit Schweinemedallions und/oder Kasslersteak/Hähnchenbrustfilet sowie den entsprechenden Beilagen verschiedenste wohlschmeckende Gerichte, von denen man auch satt wird. Empfehlung des Autors: das köstliche „Mächtige Berliner Eisbein“ – wer danach noch Hunger verspürt, sollte eine Ernährungsberatung aufsuchen… Neben alkoholfreien Getränken kann der Besucher aus fünf frisch vom Hahn gezapften Bieren wählen.
Gern wird das Lokal für private Feierlichkeiten genutzt; zudem stehen nahezu monatlich vergnügliche Veranstaltungen auf dem Programm, wie „Die kleene Zille-Revue“ mit Coupletsänger Benno Radke. Beim Köpenicker Kneipenfest ist in der „Gardestube“ Livemusik zu erleben.
Nach der netten Plauderei mit dem Wirt und dem Verzehr des erwähnten Eisbeins setze ich mich satt und entspannt an einen der kleinen Außentische, die in der warmen Jahreszeit schnell besetzt sind. Mein Blick wandert über die Rathaus-Fassade in Richtung des Einganges, den Wilhelm Voigt vor über 100 Jahren durchschritt; näher an der Geschichte kann man kaum sein. Ich hebe mein Glas auf Augenhöhe, lasse das würzige „Kupferbier“ vom Licht der Abendsonne durchfluten und proste in Gedanken dem „Hauptmann“ zu. Nach dem ersten genüsslichen Schluck gibt es für mich keinen Zweifel mehr: das hier ist wahrhaftig „one of the world’s best places for drinking beer“.

von Andreas Netzeband

Wegbeschreibung
S-Bahn bis Bhf. Köpenick, weiter mit Tram 62, 63 und 68 oder Bus 164 bis Rathaus Köpenick;
S-Bahn bis Bhf. Spindlersfeld, weiter mit Tram 61 und 63 oder Bus 165 bis Schlossplatz Köpenick