Archenhold-Sternwarte

Die Treptower Himmelskanone

Über die Zeiten hinweg war und ist der Treptower Park ein magnetischer Anziehungspunkt für erholungssuchende Berliner. Auch heutzutage strömen vor allem in den Sommermonaten Massen von Berlinern aus allen Himmelsrichtungen in den seit 1887 existierenden Park. Manche für einen lustvollen, weil naturnahen Streifzug, andere zum Sitzen, Liegen, Spielen oder wer weiß noch was. Andererseits beheimatet das Parkareal auch einen Ort mit einer traditionsreichen Geschichte, der für naturwissenschaftlich Interessierte oder auch unkundige, aber neugierige Laien seine Reize hat. Im nordöstlichen Teil der Parkanlage, von der Straße Alt-Treptow leicht zurückgesetzt befindet sich die Archenhold-Sternwarte. Im Umfeld der astronomischen Beobachtungsstation tollte ich auf Kindesbeinen mit meinen Schulkameraden bandenmäßig bei Cowboy- und Indianerspielen umher. Mit unserer Plaste- und Elaste-Bewaffnung vom Skalpmesser über Tomahawk bis hin zum Colt-Revolver erlebten wir so in Wild-West-Manier manch entwaffnende Stunde verspielter Freude. Die Sternwarte selbst beherbergt das längste bewegliche Linsenfernrohr der Welt, den großen Refraktor. Wie ein urzeitliches Ungetüm bäumt sich dessen Riesenfernrohr imposant in den hauptstädtischen Himmel empor. Für den Volksmund Grund genug, ihm bereits in den frühen Tagen seiner Installation den Namen „Himmelskanone“ in liebevoller Bewunderung anzudichten. Ihre ursprüngliche Errichtung reicht in das ausklingende 19. Jahrhundert zurück und kann eine spannende Entstehungsgeschichte erzählen.
Die Begründung verdankt die Archenhold-Sternwarte vor allem dem Engagement von Friedrich Simon Archenhold. Der damals junge ostwestfälische Astronom, dessen Namen die Sternwarte seit 1946 trägt, setzte sich mit ungezügeltem Enthusiasmus, getragen vom großen Hunger seines Forscherdranges, für die Realisierung des Projektes Sternwarte ein. Für die diffizile Finanzierung des Vorhabens zog er 1893 mit einem Holzmodell seines „Riesenfernrohres“ durch Berlin und löste eine einträgliche Spendenfreudigkeit für die Fertigung des Instruments in weiten Kreisen der interessierten Bevölkerung aus. Von dem Bau eines großen fotografischen Fernrohrs versprach er sich Neuentdeckungen am Sternenhimmel. Anlässlich der Berliner Gewerbeausstellung 1896 sah Archenhold seine Chance gekommen, dieses wagemutige Vorhaben zu realisieren. Die Kühnheit der Idee stellte alles Dagewesene in den Schatten, wie das Ergebnis des Bauvorhabens beweist: Das Teleskop war - und ist bis heute – mit 21 Metern das längste Linsenfernrohr der Welt, der Linsendurchmesser betrug stattliche 68 Zentimeter und die Fernrohrmontierung umfasste eine etwa 130 Tonnen schwere Masse. Allein die Größe des Projektes mit seinen unvermeidlichen Herausforderungen und einher gehenden Widrigkeiten bewirkte, dass bei der Eröffnung der Gewerbeausstellung das Riesenteleskop zunächst noch unvollendet war. Die volle Funktionsfähigkeit konnte erst mit einiger Verzögerung hergerichtet werden. Dann jedoch, noch rechtzeitig während der laufenden Ausstellung fertiggestellt, wurde die himmelskundliche Station unter der Leitung Archenholds als technische Meisterleistung in einem provisorischen Holzbau präsentiert. So avancierte die Sternwarte im Spätsommer 1896 zur größten Sensation der gewerblichen Leistungsschau im Treptower Park. Mit seiner schon allein optischen Anziehungskraft war es damals der breiten Öffentlichkeit schnell zu einem beliebten Ort für die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse geworden. Die Besucherzahlen wuchsen weiter rasch. Das sternenkundliche Angebot umfaßte allgemeinverständliche Vorträge in einem eigenen Hörsaal, ein Museum gab informative astronomische Einblicke sowie die Beobachtung von Himmelskörpern mit dem Riesenfernrohr. Durch die verspätete Fertig- bzw. Ausstellung der „Himmelskanone“ und den damit einhergehenden Einbußen an Eintrittsgeldern waren jedoch die ursprünglichen, weiterführenden Ideen der Initiatoren undurchführbar geworden. Die angestrebten finanziellen Ziele einer Amortisation der Produktions- und Aufstellungskosten sowie der Erwerb einer finanziellen Rücklage für die nach Abschluss der Berliner Gewerbeausstellung geplante Ortsverlagerung des Instrumentes wurden dadurch verfehlt. Aus diesen Gründen verblieb das Fernrohr vorerst am Standort. Der anhaltend große Publikumsandrang auch nach Ende der Ausstellung veranlasste die Betreiber, entgegen früherer Planungen, die Sternwarte im Treptower Park zu belassen. 1898 erfolgte die Gründung des Vereins Treptow-Sternwarte e. V., dessen Vorsitz Archenhold einnahm. Die erste deutsche Volkssternwarte war zur Realität geworden.
Von Beginn an diente das astronomische Observatorum auch als Forschungsstätte. Viele namhafte Forscher und Wissenschaftler gaben sich zu Vorträgen die Klinke in die Hand, wie z. B. Alfred Wegener, Roald Amundsen, Percival Lowell und Hermann Oberth. Den rückblickend bedeutsamsten davon hielt im Juni 1915 Albert Einstein mit seinem ersten öffentlichen Vortrag in Berlin zur Allgemeinen Relativitätstheorie. Ein weiterer hausgeschichtlicher Meilenstein anderer Art erfolgte 1909. Ein neu erbautes massives und repräsentatives Gebäude ersetzte den mittlerweile maroden Holzbau aus den Tagen der Berliner Gewerbeausstellung.
Trotz eines im Zweiten Weltkrieg erlittenen Bombentreffers auf den Südwestflügel des Hauses, wobei das Riesenfernrohr ohne schwerwiegende Beschädigung blieb, konnten schon im Juli kurz nach Kriegsende Beobachtungen zur Sonnenfinsternis durchgeführt werden. Während die Sternwarte nach Kriegsende mit neuen Instrumenten ausgestattet wurde, musste 1958 der große Refraktor infolge technischer Mängel den Betrieb einstellen. Als technisches Denkmal blieb er erhalten. Ab dem folgenden Jahr fand in der Archenhold-Sternwarte eine intensive Nutzung für physikalischen und astronomischen Unterricht statt. Hierfür wurden auf dem angrenzenden Freigelände weitere Kuppelbauten errichtet, die Refraktoren und Teleskope beherbergten. Kurze Zeit später folgte auch die Einrichtung eines Sonnenphysikalischen Kabinetts sowie eines Hörsaales. Seit dem Jahre 1967 steht der große Refraktor unter Denkmalschutz. Das ab 1977 rekonstruierte Riesenfernrohr nahm 1983 wieder den Betrieb auf.
Nach der Wende wurde das Planetarium im wiedervereinigten Berlin der städtischen Schulverwaltung unterstellt. Notwendige, teils erhebliche Reparaturen fanden in der Folgezeit statt. Die „Himmelskanone“ ist noch immer funktionsfähig und steht für nächtliche Beobachtungen zur Verfügung. 1995/96 wurde die Sternwarte von Grund auf saniert. Ebenso erfolgte eine grundlegende Neugestaltung der Ausstellungen. Seit 2002 gehört die Sternwarte zum Deutschen Technikmuseum.
Meine eigenen Erinnerungen an die Sternwarte sind lebendig und vielfältig. Vor allem sind mir die Erlebnisse im Gedächtnis geblieben, in denen dort noch Kinovorstellungen zum ständigen Programm gehörten. Mit großen Augen verzückt im Publikum sitzend sah ich wie Louis de Funes, wie immer jähzornig und mit beängstigendem Bluthochdruck, als Restaurantkritiker der industrialisierten Lebensmittelproduktion zu Leibe rückte. Oder aber ich sah, wie Winnetou dem bösewichtigen Ölprinzen das Licht ausblies und ich dabei gleichzeitig das kleine Einmaleins des indianischen Gestus für meine wilden Spielnachmittage erweiterte. Das waren Stunden der kindlichen Faszination. Später folgten regelmäßige Besuche des Hauses als „Zwangsrekrutierter“ der damals sogenannten Arbeitsgemeinschaft Astronomie.
Ich empfehle einen Besuch der ältesten und größten Volkssternwarte Deutschlands. Es lohnt sich! Das Himmelskundliche Museum, große Teleskope und das Zeiss-Kleinplanetarium laden zu einem Exkurs in die astronomische Welt ein. Entdecken Sie in der Dauerausstellung mit seinen wechselnden angegliederten Expositionen das Sonnensystem, die Dimensionen des Weltalls, die geschichtliche Entwicklung der Astronomie und vieles mehr. Verschiedene Veranstaltungen geben die Möglichkeit, den Kosmos zu bestaunen, zu begreifen und auch zu erforschen. Mit der Seite www.planetarium.berlin bietet das Internet aktuelle Informationen zum Programm und benennt die Öffnungszeiten.

von L.H.

Wegbeschreibung
Bus Nr. 165, 166, 265; Haltestelle „Alt-Treptow“


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