Der alte Urnenfriedhof

Krematorium Kiefholzstraße

Für Jeden schlägt einmal die Stunde, wo er seine Ruhe und Frieden haben will, wo die Seele gefälligst zu baumeln hat, wo sich eben noch Gedankenhader ineinander verkeilt, plötzlich flauschig weiches Kuschelmuschel im Kopf einstellt und das gute Bauchgefühl selbst furchterregendes Knacken und Knirschen im Gemütszustand problemlos verdauen soll. Empfehlenswert für solcherlei geistige und psychische Sanierungsarbeiten ist für manche eine sorgfältig gepflegte Friedhofstille, schon alleine aus der Überlegung heraus, dass plötzlich angesichts und eingedenk der vielen friedlich eingeäscherten Toten um einen herum die eigenen Lebensgeister über einen herfallen könnten und beim ersten erkenntnisreich geführten Selbstgespräch alleine auf der Friedhofsbank garantiert keiner dazwischen quatscht.
Mit Flummiball, Quartettkarten, bunten Spielzeuautos und Jojo an der Schnur ging es nach den Hausaufgaben hinunter zu den Freunden auf das kleine Mäuerchen vor den eisernen Mülltonnen. Es wurde getuschelt und rege phantasiert, es wurde gelacht und gestritten und beleidigt das Schnütchen gezogen, aber so richtig auf ewig und immer eingeschnappt oder erbittert verfeindet gab es nur bis zum nächsten Morgen auf dem Schulhof. Die Lust auf gemeinschaftliches Handeln hatte wieder die Überhand, gemeinsam etwas anzuzetteln und zusammen dicht halten und wenn mal was schief ging, war geteiltes Leid immerhin nur noch halbes Leid, was rechnerisch zwar falsch aber erfahrungsgemäß schon seine Richtigkeit hatte.
Eine beneidenswerte Kinderwelt, in der Abzählreime wie - mimamaus und du bist raus - oder enemenemap und du bist ab - unantastbaren Gerechtigkeitsstatus genossen, auch ohne Paragraph und Absatz und Ziffer, eher schon wie von Gottes Gnaden so gewollt.
All das hüpft und holpert, surrt und saust mir durch den Kopf auf dem kleinen Mäuerchen am Urnenhain, wo Hausaufgaben keiner Korrektur mehr bedürfen, wo keine Streitigkeiten mehr ausgefochten und wo sich offenbar niemand mehr mit der Vergänglichkeit beschäftigen will. Zerborstene Zierurnen, zerbrochene Grabsteine mit goldenen Inschriften liegen neben wuchtigen Steinsäulen, teils schon von Erde bedeckt und von Pflanzen überwuchert, darnieder, als ob die Natur all diesen Zerfall in den großen Kreislauf heimholen wolle.
Trotz alledem zeigt sich das Trümmerfeld noch im strahlendem Sonnenlicht am frühen Morgen im alten städtischen Friedhof, dem ehemaligen Forstfiskus an der Königsheide in der Berliner Kiefholzstrasse.
Auf Anfragen beim Amt für Denkmalschutz, im Heimatmuseum oder bei der Friedhofsverwaltung ist nichts weiter zu erfahren, als dass der Urnenhain wohl eine Grabstätte für tapfer gefallene Soldaten des ersten Weltkrieges sei, was aber mit dem Typus der Bestattungsmonumente und den Zeitangaben darauf nicht überein stimmt. Unvergessen wird halt auch vergessen, denke ich so bei mir - und dass zum Schluss nur Schweigen bleibt.
Mit kurzen Bildeinspielungen meiner Phantasie stelle ich mir vor, wie das damals wohl gewesen sein könnte Vielleicht waren diese Menschen völlig unerwartet und ganz plötzlich gestorben, oder sanft entschlafen oder langem Siechtum erlegen. Egal ob segensreich erlöst oder gnadenlos dahingerafft, der Tod hatte zugeschlagen und die Verbliebenen taten sicherlich der Tradition des Schlussaktes mit ihrem letzten Geleit genüge. Mit bunten Blumengebinden, mit üppigen Kränzen, die mit glitzernden Kondolenzschleifen versehen wurden, mit inbrünstigen Gebeten zum diskret tonierten Orgelspiel, mit gespitzten Ohren, wenn letzte Worte von Ewigkeit gesprochen, mit Beileidsbekundungen und Kerzenschein beim Leichenschmaus, wurde der allmächtigen Ordnung von Werden und Vergehen Tribut gezollt.
Geschichtsträchtig und sehenswert ist der gesamte Friedhof auf alle Fälle. Auf der Asche von zahlenmäßig nicht erfassten Menschen, die während der Teilung von Deutschland ihr Leben an der Grenzmauer verloren, steht zum Gedenken ein wuchtiger Steinbrocken und nur unweit davon bäumt sich eine riesige schwarze Steintafel auf, unter der die Asche von 1195 ermordeten Antifaschisten aus Konzentrationslagern ruht. Für die ärmsten Menschen der neuen Zeit, die ohne jegliche Familienverbindung verstorben und eingeäschert worden sind, befindet sich auf freier Wiesenfläche ein großer mit bunten Blumen gestalteter Kreis, in dem die Asche dieser Verstorbenen anonym verstreut wird.
Zu erwähnen sei letztlich noch das mehrfach preisgekrönte hochmoderne Krematorium, das als eines der wichtigsten Sichtbetonbauwerke von einem Berliner Architekturbüro entworfen wurde und wie auch das Bundeskanzleramt in schnittig sportivem Porschegrün gehaltene sich harmonisch in die Umgebung einfügen soll.

von MiRi

Wegbeschreibung
Anfahrt : S- Bahn bis Baumschulenweg - Baumschulenstraße laufen bis Kiefholzstraße - Buslinie 166 bis Haltestelle Krematorium


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